Leseprobe
Der Floh im Glas
Ein Glas voller Flöhe …
Flöhe sind außergewöhnliche Springer. Ein Tier von zwei Millimetern Länge bringt es auf etwa zwanzig Zentimeter Sprunghöhe, also das Hundertfache seiner eigenen Körpergröße. Ein Mensch müsste dafür über ein Hochhaus springen. Ein Einmachglas hält solche Tiere keine zehn Sekunden.
Dann kam der Deckel. Durchsichtig und hart.
Die Flöhe sprangen weiter und knallten gegen diese Begrenzung. Sie sprangen wieder und schlugen abermals an. Nach einer Weile hörten sie auf, mit voller Kraft zu springen. Sie hüpften nur bis knapp unter den Deckel. Sie hatten gelernt, dass es ein Hindernis gibt, das sie nicht mehr höher springen lässt.
Wer den Deckel nach ein paar Tagen vom Glas nimmt, erlebt das, was die Geschichte so bekannt gemacht hat: Die Flöhe springen nicht heraus. Kein einziger. Sie springen nur noch bis zur gewohnten Höhe und bleiben im Glas. Eigentlich hält sie nichts mehr darin fest. Nichts außer ihnen selbst.
Das Experiment gibt es wahrscheinlich gar nicht. Jedenfalls nicht so, wie es erzählt wird. Keine Zeitschrift hat es publiziert, kein Labor hat es je vorweisen können. Es ist vermutlich einfach nur eine Parabel und keine Studie.
Und doch hat sie viel Aussagekraft.
Einfach weil sie in wissenschaftlich sauber dokumentierter Form in dutzenden anderer Experimente wiederkehrt. Nur nicht mit Flöhen, sondern mit Hunden, Affen, Ratten, Kindern und Erwachsenen. Die Flöhe im Glas sind das eingängigste Bild für ein Phänomen, das Psychologen erlernte Hilflosigkeit nennen. Gemeint ist damit das stille Aufgeben, nachdem man sich oft genug „den Kopf gestoßen“ hat.
Am Ende wirst du einen Blick für die Glaswände im eigenen Leben haben. Für den Deckel, der längst nicht mehr da ist.