Ein Sachbuch von

Im Labor
des Menschen

Was die großen psychologischen Experimente über uns verraten

Dieses Buch erzählt nicht nur von Datensätzen, sondern von menschlichen Ereignissen. In 44 Geschichten geht es darum, wie schnell wir gehorchen, uns anpassen und aufgeben und was die Forschung daraus gelernt hat.

Printausgabe
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Buchcover: Einmachglas mit abgehobenem Deckel; darin springt eine kleine menschliche Figur nach oben
Vorläufiges Cover · Deutsche Ausgabe

Leseprobe

Der Floh im Glas

Ein Glas voller Flöhe …

Flöhe sind außergewöhnliche Springer. Ein Tier von zwei Millimetern Länge bringt es auf etwa zwanzig Zentimeter Sprunghöhe, also das Hundertfache seiner eigenen Körpergröße. Ein Mensch müsste dafür über ein Hochhaus springen. Ein Einmachglas hält solche Tiere keine zehn Sekunden.

Dann kam der Deckel. Durchsichtig und hart.

Die Flöhe sprangen weiter und knallten gegen diese Begrenzung. Sie sprangen wieder und schlugen abermals an. Nach einer Weile hörten sie auf, mit voller Kraft zu springen. Sie hüpften nur bis knapp unter den Deckel. Sie hatten gelernt, dass es ein Hindernis gibt, das sie nicht mehr höher springen lässt.

Wer den Deckel nach ein paar Tagen vom Glas nimmt, erlebt das, was die Geschichte so bekannt gemacht hat: Die Flöhe springen nicht heraus. Kein einziger. Sie springen nur noch bis zur gewohnten Höhe und bleiben im Glas. Eigentlich hält sie nichts mehr darin fest. Nichts außer ihnen selbst.


Das Experiment gibt es wahrscheinlich gar nicht. Jedenfalls nicht so, wie es erzählt wird. Keine Zeitschrift hat es publiziert, kein Labor hat es je vorweisen können. Es ist vermutlich einfach nur eine Parabel und keine Studie.

Und doch hat sie viel Aussagekraft.

Einfach weil sie in wissenschaftlich sauber dokumentierter Form in dutzenden anderer Experimente wiederkehrt. Nur nicht mit Flöhen, sondern mit Hunden, Affen, Ratten, Kindern und Erwachsenen. Die Flöhe im Glas sind das eingängigste Bild für ein Phänomen, das Psychologen erlernte Hilflosigkeit nennen. Gemeint ist damit das stille Aufgeben, nachdem man sich oft genug „den Kopf gestoßen“ hat.

Am Ende wirst du einen Blick für die Glaswände im eigenen Leben haben. Für den Deckel, der längst nicht mehr da ist.

Aus Kapitel 7

Der Faden im Wasser

Das Kapitel handelt von Ausdauer, Hoffnung und der Frage, wann ein Organismus entscheidet, ob sich das Weitermachen noch lohnt.

Lesezeit des Teasers · etwa 3 Minuten

Im Jahr 1957 steht in einem Kellerlabor der Johns Hopkins Universität eine Reihe hoher Glaszylinder auf einem Arbeitstisch. Sie sind bis zehn Zentimeter unter den Rand mit lauwarmem Wasser gefüllt. Ein älterer Mann im weißen Kittel hebt eine Ratte aus ihrem Käfig und setzt sie vorsichtig ins Wasser.

Die Ratte schwimmt.

Sie schwimmt, weil ihr nichts anderes übrigbleibt. Der Zylinder ist zu hoch zum Herausspringen und die Wände sind glatt. Also paddelt sie. Eine Minute. Zehn Minuten. Eine halbe Stunde.

Die Wendung lesen

Curt Richter arbeitete mit zwei Arten von Ratten. Die einen waren gewöhnliche Labortiere, seit Generationen in Käfigen gezüchtet. Die anderen waren wilde Wanderratten, erst kurz zuvor gefangen.

Der Unterschied war gewaltig – und ging in die entgegengesetzte Richtung, als man erwarten würde. Die Labortiere schwammen durchschnittlich vierzig bis sechzig Stunden. Die kräftigeren Wildtiere ertranken binnen fünfzehn Minuten, manche schon nach zwei.

Dann änderte Richter eine Sache. Er nahm die Tiere mehrfach kurz in die Hand, setzte sie für wenige Minuten ins Wasser und holte sie wieder heraus. Danach starb keine dieser Ratten mehr binnen weniger Minuten. Sie schwammen wie die Labortiere, stundenlang.

Die Tiere hatten erfahren: Die Lage ist nicht aussichtslos. Es gibt ein Danach.

Das Experiment ist real, doch seine populäre Erzählung vertauscht oft die Zahlen. Richters eigentlicher Befund ist bemerkenswert genug: Ausdauer hängt nicht allein vom Körper ab, sondern auch davon, ob ein Organismus glaubt, dass sein Einsatz etwas bewirken kann.

Atmosphärische Illustration eines historischen psychologischen Labors mit Versuchsapparatur
Die Geschichten beginnen bei den Menschen im Raum. Danach folgen die Zahlen und ihre Deutung.

Über das Buch

Was geschah im Raum?

Dieses Psychologie-Sachbuch erzählt, was hinter berühmten Experimenten wirklich geschah. Pawlow, Milgram, Harlow oder Asch werden oft auf einen Begriff und eine Zahl verkürzt. Das Buch geht zurück an den Anfang: an den Ort, die Zeit und die Menschen oder Tiere, mit denen eine Frage untersucht wurde.

Es erzählt auch von Irrtümern, fragwürdigen Methoden und Experimenten, die nie so stattgefunden haben, wie Lehrbücher sie bis heute wiederholen.

44 Kapitel · Psychologiegeschichte · Quellengeprüft

Der Autor

Marcus Kugeler

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